Gerüstarten & Anwendungen

Gerüstarten im Überblick: Rahmen-, Modul- und Sondergerüste

Gerüstarten im Überblick: verschiedene Gerüstbauarten an einer Baustelle

Wer zum ersten Mal ein Gerüst beauftragt, stößt schnell auf eine verwirrende Begriffsvielfalt: Rahmengerüst1, Modulgerüst, Fahrgerüst, Traggerüst5, Dachfanggerüst. Hinter jedem Begriff steckt eine eigene Bauart mit eigenem Einsatzzweck – und teils mit einer eigenen Norm. Dieser Überblick ordnet die wichtigsten Gerüstarten, erklärt das jeweilige Bauprinzip und zeigt, welche Bauart zu welchem Projekt passt. Denn die Wahl der Gerüstart entscheidet nicht nur über den Preis, sondern auch darüber, ob die Arbeiten am Ende sicher und regelkonform ausgeführt werden können.

Die Gerüstarten auf einen Blick

BauartBauprinzipTypischer EinsatzMaßgebende Norm/Regel
Rahmengerüst (Systemgerüst)geschweißte Vertikalrahmen7 mit festen FeldmaßenFassadenarbeiten am WohnhausDIN EN 12810, DIN EN 12811-1
Modulgerüst (Systemgerüst)Stiele mit Anschlussknoten (Rosetten), Riegel in mehreren RichtungenIndustrie, komplexe Grundrisse, Raumgerüste4DIN EN 12811-1 (als Fassadensystem: DIN EN 12810)
Stahlrohr-Kupplungsgerüsteinzelne Rohre (48,3 mm), frei mit Kupplungen verbundenrunde Bauwerke, verwinkelte Altbauten, IndustrieDIN EN 39, DIN EN 74
Fahrgerüst (Rollgerüst)frei stehender Turm auf feststellbaren Rollenwechselnde Arbeitsstellen innen und außenDIN EN 1004-1
Kleingerüst8wenige vorgefertigte Bauteile, meist ohne Verankerungkleinere Arbeiten in geringer HöheBetrSichV, TRBS 2121
Bockgerüst9Gerüstböcke mit aufgelegten BelägenVerputzen, Innenausbau in geringer HöheBetrSichV, TRBS 2121
Hängegerüst2am Bauwerk abgehängt statt aufgeständertBrückenuntersichten, IndustrieanlagenBetrSichV, TRBS 2121
Konsolgerüst3auskragende, am Bauwerk verankerte KonsolenBelagverbreiterung, Arbeiten ohne Standfläche darunterBetrSichV, TRBS 2121
Raumgerüstflächenorientierte Arbeitsebene im InnenraumKirchen, Hallen, DeckensanierungDIN EN 12811-1
TraggerüstHilfstragwerk für Lasten aus BauzuständenBrücken- und Betonbau (Schalung, Frischbeton)DIN EN 12812
Fang-/DachfanggerüstSchutzgerüst unterhalb der Absturzkante bzw. an der TraufeAbsturzsicherung bei Dach- und FassadenarbeitenDIN 442010-1, DGUV Information 201-011
Schutzdachauskragendes Dach über VerkehrsflächenGerüste an Gehwegen und StraßenDIN 4420-1

Die Tabelle zeigt bereits die Grundordnung: Es gibt Arbeitsgerüste in verschiedenen Bauweisen, daneben Schutzgerüste, die Menschen und Verkehrsflächen sichern, und das Traggerüst als Sonderfall, der gar kein Arbeitsgerüst ist. Die folgenden Abschnitte gehen die Gruppen der Reihe nach durch.

Systemgerüste: Rahmengerüst und Modulgerüst

Systemgerüste bestehen aus vorgefertigten Bauteilen; für Fassadengerüst-Systeme regelt DIN EN 12810 die Leistungsklassen, die Anforderungen an Arbeitsgerüste DIN EN 12811-1. Sie sind heute der Standard an deutschen Baustellen – in zwei Spielarten.

Das Rahmengerüst ist die übliche Bauart für die Fassade: Geschweißte Vertikalrahmen geben Feldlänge und Feldhöhe fest vor. Das macht den Aufbau schnell, die Geometrie aber starr – das Gerüst folgt seinem Raster, nicht dem Gebäude. Am Fußpunkt gleichen höhenverstellbare Fußspindeln Geländeunterschiede aus, an der Fassade wird das Gerüst zug- und druckfest verankert, und zwar nach dem Ankerraster der Aufbau- und Verwendungsanleitung. Für Arbeiten am Wohnhaus wird meist die Lastklasse LK3 mit 2,00 kN/m² Belagfläche gewählt; für die nutzbare Belagbreite definiert DIN EN 12811-1 sieben Breitenklassen von W06 (ab 0,60 m) bis W24 (ab 2,40 m), wobei im Fassadenbau W06 bis W12 üblich sind. Sonderbauteile wie Konsolen, Dachfanglage, Schutzdach oder Treppenturm erweitern das System bei Bedarf.

Das Modulgerüst löst die Starrheit des Rahmens auf: Statt geschweißter Rahmen gibt es einzelne Stiele mit Anschlussknoten in festem Abstand – meist Teller oder Rosetten –, an die sich Riegel und Diagonalen in mehreren Richtungen und Winkeln anschließen lassen. Damit steht das Modulgerüst zwischen dem starren Rahmengerüst und dem völlig frei zusammensetzbaren Kupplungsgerüst. Typische Einsatzfelder sind Industrieanlagen, Raumgerüste und komplexe Grundrisse, an denen ein Rahmensystem scheitert.

Stahlrohr-Kupplungsgerüst: die flexible Klassik

Die älteste Bauart kommt ganz ohne vorgefertigte Rahmen aus: Beim Stahlrohr-Kupplungsgerüst werden einzelne Rohre mit 48,3 mm Außendurchmesser (DIN EN 39) frei mit Kupplungen nach DIN EN 74 verbunden – als Normal-, Dreh- oder Stoßkupplung, wobei die rechtwinklige Normalkupplung am meisten trägt. Je nach Rohrwanddicke von 3,2 oder 4,0 mm sind Höhen bis 20 beziehungsweise 30 m üblich; darüber hinaus ist ein Einzelnachweis erforderlich. Seine Stärke spielt das Kupplungsgerüst überall dort aus, wo kein Raster passt: an runden Bauwerken, in Industrieanlagen und an verwinkelten Altbaufassaden. Wie die Verbindungstechnik im Detail funktioniert, erklärt unser Beitrag zum Stahlrohr-Kupplungsgerüst.

Fahrbare und kleine Gerüste

Das Fahrgerüst – oft Rollgerüst genannt – ist eine fahrbare Arbeitsbühne nach DIN EN 1004-1, die als Neufassung der DIN EN 1004 seit Dezember 2021 gilt. Es steht frei ohne Verankerung, die Rollen müssen bei der Nutzung festgestellt sein, und verschoben werden darf es niemals mit Personen oder losem Material auf dem Belag. Die Norm begrenzt die Standhöhe auf 12,00 m in Gebäuden und 8,00 m im Freien. Damit ist das Fahrgerüst die erste Wahl, wenn Arbeitsstellen häufig wechseln – vom Malerbetrieb in der Halle bis zur Reparatur am Vordach.

Das Kleingerüst besteht aus wenigen vorgefertigten Bauteilen und kommt meist ohne Verankerung aus – etwa als Zimmergerüst oder kleine fahrbare Ausführung. Die früher einschlägige BGR 173 ist zurückgezogen; Seitenschutz und Sichtprüfung vor der Benutzung gelten trotzdem.

Das Bockgerüst schließlich kombiniert Gerüstböcke mit aufgelegten Belägen für Arbeiten in geringer Höhe, etwa beim Verputzen oder im Innenausbau. Zulässig sind nur dafür vorgesehene Böcke – improvisierte Konstruktionen aus Brettern, Kisten oder Leitern sind kein Gerüstersatz. Wo für Heimwerker generell die Grenzen liegen, zeigt der Beitrag Gerüst selbst aufbauen.

Sondergerüste: Hängegerüst, Konsolgerüst, Raumgerüst

Drei Bauarten fallen aus dem üblichen Schema, weil sie nicht klassisch vom Boden aufgeständert werden oder eine besondere Geometrie bedienen.

Das Hängegerüst wird nicht aufgeständert, sondern am Bauwerk abgehängt – über Rohre, Seile oder Spezialaufhängungen. Tragfähigkeit und Aufhängepunkte des Bestands sind dabei im Einzelfall nachzuweisen. Typische Einsätze sind Brückenuntersichten und Industrieanlagen, wo unter dem Arbeitsplatz schlicht kein Boden zum Aufstellen vorhanden ist.

Das Konsolgerüst arbeitet mit auskragenden, am Bauwerk verankerten Konsolen. Die Lasten laufen vollständig über die Anker ins Bauwerk – der Ankergrund ist hier also entscheidend. Häufig findet sich die Konsole auch als Anbauteil am Fassadengerüst, um den Belag zu verbreitern, etwa bei dicken WDVS-Dämmpaketen oder Dachüberständen.

Das Raumgerüst ist flächen- beziehungsweise raumorientiert: Es füllt einen Innenraum oder eine Halle und schafft eine geschlossene Arbeitsebene unter Decken und Gewölben – klassisch bei Kirchen, Hallen und Deckensanierungen. Ausgeführt wird es meist als Modulgerüst, dessen flexible Knoten sich an Stützen und Einbauten vorbeiführen lassen.

Traggerüst: das Gerüst, das kein Arbeitsgerüst ist

Eine wichtige Abgrenzung: Das Traggerüst nach DIN EN 12812 – der Nachfolgerin der nationalen DIN 4421 – dient nicht dem Aufenthalt von Personen. Es ist ein Hilfstragwerk des Ingenieurbaus, das Lasten aus Bauzuständen trägt: Schalungen, Frischbeton, Bauteile im Brücken- und Betonbau, solange diese noch nicht selbst tragen. Entsprechend gelten eigene Bemessungsklassen, und die Planung liegt beim Tragwerksplaner. Wer „ein Gerüst für die Fassade" sucht, meint also nie ein Traggerüst – auch wenn der Begriff im Alltag gelegentlich durcheinandergeht.

Schutzgerüste: Fanggerüst, Dachfanggerüst und Schutzdach

Schutzgerüste sind keine Arbeitsplätze. Sie sichern Personen gegen Absturz oder Bereiche gegen herabfallende Gegenstände. National ergänzt hier die DIN 4420-1 die europäischen Normen; die Verwendung regelt die DGUV Information 201-011. In der Praxis werden Schutzfunktionen oft ins Fassadengerüst integriert.

Das Fanggerüst6 steht unterhalb einer Absturzkante und fängt abstürzende Personen auf; Belagbreite und die Höhe der Absturzkante über dem Belag sind dabei begrenzt. Das Dachfanggerüst übernimmt diese Aufgabe an der Traufe: Nach dem Baustein B 121 der BG BAU ist es bei Dachneigungen über 22,5° bis 60° und mehr als 2,00 m Absturzhöhe ab Traufe erforderlich. Sein Kern ist eine Schutzwand aus Netzen oder Geflechten über der Traufkante; bei Neigungen über 60° sind weitergehende Maßnahmen nötig. Wichtig für Bauherren: Ein normales Fassadengerüst auf gleicher Höhe erfüllt die Fangfunktion nicht.

Das Schutzdach schließlich kragt über Verkehrsflächen aus und schützt Passanten vor herabfallenden Gegenständen. Steht das Gerüst auf öffentlichem Grund, wird das Schutzdach im Rahmen der Sondernutzungserlaubnis regelmäßig gefordert – ohne Schutzdach gibt es dann keine Freigabe. Es zählt zu den Sonderbauteilen und wird gesondert vergütet; Details zur Genehmigung stehen im Beitrag zur Sondernutzung in Bayern.

Welche Gerüstart für welches Projekt?

Für Hausbesitzer lässt sich die Auswahl auf wenige Faustregeln verdichten:

  • Fassade streichen, dämmen, Dachrinne erneuern: Ein verankertes Rahmengerüst in LK3 ist der Normalfall – schnell gestellt, bewährt, wirtschaftlich. Bei dicker Dämmung sorgt eine Konsole für ausreichende Belagbreite.
  • Dacharbeiten am geneigten Dach: Bei mehr als 22,5° Dachneigung und über 2,00 m Absturzhöhe gehört die Dachfanglage mit Schutzwand dazu – das sollte schon in der Anfrage stehen.
  • Verwinkelter Altbau oder runde Bauformen: Hier stoßen Rahmensysteme an ihr Raster. Ein Modulgerüst oder ein Stahlrohr-Kupplungsgerüst bildet die Geometrie ab – bei Gründerzeitfassaden, wie sie in Nürnberg oder Regensburg häufig sind, eine typische Lösung.
  • Innenräume mit hohen Decken: Für die Deckensanierung im Treppenhaus reicht oft ein Fahrgerüst; unter Hallendecken oder Gewölben ist ein Raumgerüst die sichere Arbeitsebene.
  • Kleine Arbeiten in geringer Höhe: Bockgerüst oder Kleingerüst – aber als richtiges Gerüst, nicht als Improvisation aus Leiter und Bohlen.
  • Gerüst am Gehweg: In Städten wie München kommt zur Gerüstart fast immer die Sondernutzungserlaubnis samt Schutzdach hinzu – das gehört früh in die Planung.

Im Zweifel gilt: Die Bauart wählt am Ende der Gerüstbauer anhand von Gebäude, Gewerk und Lasten. Wer anfragt, muss keine Gerüstart vorgeben – aber wer die Begriffe kennt, versteht das Angebot und erkennt, ob Dachfanglage, Konsolen oder Schutzdach mitgedacht wurden.

Fazit

Die Welt der Gerüstarten ist übersichtlicher, als die Begriffsvielfalt vermuten lässt. Systemgerüste – als Rahmengerüst für die Fassade, als Modulgerüst für komplexe Geometrien – decken den Großteil aller Baustellen ab. Das Stahlrohr-Kupplungsgerüst bleibt die flexible Reserve für alles, was nicht ins Raster passt. Fahr-, Klein- und Bockgerüste bedienen kleine und wechselnde Arbeitsstellen, Hänge-, Konsol- und Raumgerüste die Sonderfälle. Davon getrennt stehen das Traggerüst, das Lasten statt Personen trägt, und die Schutzgerüste vom Fanggerüst bis zum Schutzdach, die keine Arbeitsplätze sind, sondern Menschen sichern. Wer diese Ordnung kennt, liest jedes Gerüstangebot mit anderen Augen.

Normen und Quellen

Sie planen ein Bauvorhaben?

Fordern Sie jetzt unverbindlich Ihr kostenloses Gerüst-Angebot an — mit Aufmaß, transparenter Aufstellung und festem Preis für Ihr Projekt in Bayern.

Kostenloses Angebot anfragen

Begriffe auf dieser Seite

1Rahmengerüst
Systemgerüst aus vorgefertigten Vertikalrahmen, die mit Belägen, Diagonalen und Geländern zu festen Feldern verbunden werden. Es ist die übliche Bauart des Fassadengerüsts.
2Hängegerüst
Gerüst, das nicht auf dem Boden steht, sondern an einem Tragwerk abgehängt ist. Es kommt zum Einsatz, wo keine Aufstandsfläche vorhanden ist, etwa an Brückenuntersichten oder hohen Industrieanlagen.
3Konsolgerüst
Gerüst auf auskragenden Konsolen, die am Bauwerk verankert werden, statt auf dem Boden zu stehen. Es wird eingesetzt, wo eine Abstützung von unten nicht möglich oder unwirtschaftlich ist.
4Raumgerüst
Flächen- bzw. raumorientiertes Arbeitsgerüst, das einen Innenraum oder eine Halle ganz oder teilweise ausfüllt, um Arbeitsflächen unter Decken und Gewölben zu schaffen.
5Traggerüst
Temporäre Konstruktion, die Lasten aus Bauzuständen abträgt – etwa Schalung und Frischbeton, bis das Bauteil selbst tragfähig ist. Anforderungen und Bemessung regelt DIN EN 12812.
6Fanggerüst
Schutzgerüst, das abstürzende Personen von höher gelegenen Arbeitsplätzen auffängt, wenn dort kein Seitenschutz möglich ist. Es dient nicht als Arbeitsplatz, sondern ausschließlich der Absturzsicherung.
7Vertikalrahmen
Vorgefertigtes, senkrecht stehendes Tragelement des Systemgerüsts. Vertikalrahmen werden geschossweise aufeinandergesetzt und nehmen Beläge, Riegel, Diagonalen und Seitenschutz auf.
8Kleingerüst
Kleines, meist frei stehendes Arbeitsgerüst für Arbeiten geringen Umfangs in geringer Höhe, etwa im Innenausbau oder am Einfamilienhaus. Historisch in der zurückgezogenen BGR 173 beschrieben.
9Bockgerüst
Einfaches Arbeitsgerüst aus Gerüstböcken mit aufgelegten Belägen für Arbeiten in geringer Höhe, etwa beim Verputzen oder im Innenausbau.
10DIN 4420
Nationale deutsche Norm „Arbeits- und Schutzgerüste“, die die europäischen Gerüstnormen ergänzt. Teil 1 (DIN 4420-1) regelt Schutzgerüste – Leistungsanforderungen, Entwurf, Konstruktion und Bemessung.
Alle Begriffe im Gerüstbau-Lexikon →